Skip to main content
Leadership

Feedback & Feedforward: Zwei Seiten derselben Medaille — und warum eine allein nicht reicht.

Nina Alice Bauregger
24. März 2026
12 Min. Lesezeit

Feedback bekommt in vielen Organisationen viel Aufmerksamkeit — und bleibt trotzdem oft wirkungslos. Nicht weil die Menschen es nicht wollen, sondern weil es punktuell eingesetzt, weichgespült formuliert und selten nachverfolgt wird. Dabei braucht wirksame Führung zwei Dinge: Feedback, das Muster sichtbar macht — und Feedforward, das konkrete nächste Schritte öffnet. Was der Unterschied ist, warum Nettigkeit in Organisationen zur Entwicklungsbremse wird, und welche Methoden in der Praxis funktionieren.

Ich habe früh gelernt, was es bedeutet, wenn Führung keine Rückmeldung gibt.

Während meines Studiums arbeitete ich bei einem großen internationalen Plattenlabel. Mein Vorgesetzter — Führungskraft war er im eigentlichen Sinne kaum — hatte einen Grundsatz, den er für weise hielt: Solange er nichts sage, passe alles.

In der Praxis bedeutete das: keine Orientierung, keine Einschätzung, keine Entwicklung. Und eine permanente, leise Anspannung — denn wenn man doch zum Gespräch gebeten wurde, konnte das nur eines heißen: schlechte Neuigkeiten. Kein Feedback als Normalzustand führt nicht zu Sicherheit. Es führt zu Angst.

Für mich persönlich hatte das eine klare Konsequenz: Ich nahm ihn nicht mehr als Führungsperson wahr. Und ich respektierte ihn in dieser Rolle nicht mehr. Im Team sah ich dasselbe — Frustration, Demotivation, das Gefühl, im Dunkeln zu tappen.

Umso mehr blieb mir eine Ausnahme in Erinnerung. Einmal gab er mir tatsächlich ein wirklich hilfreiches Feedback — direkt, konkret, erklärt. Er sagte mir, dass es ihn stresse, wenn ich erledigte Aufgaben nicht aktiv zurückmelde. Nicht weil er kontrollieren wolle, sondern weil er so nie wisse, was noch offen sei. Seine mentale To-do-Liste werde dadurch nicht kürzer, sondern länger — und das sei belastend.

Das konnte ich annehmen. Ich verstand, worum es ging. Ich verstand, warum es für ihn wichtig war. Im Nachhinein erkenne ich darin auch: ein Vertrauensproblem. Er wusste nicht, was ich erledigt hatte. Ich gab ihm keinen Einblick. Das ist — bewusst oder nicht — ein Zeichen von mangelndem Vertrauen. Wer Vertrauen aufbaut, gibt Einblick.

→ Read more: Leadership and Trust

Diese Geschichte hat mich gelehrt: Feedback, das wirkt, braucht Kontext, Erklärung und — vor allem — Regelmäßigkeit. Nicht als Ausnahme. Als Normalzustand.

Doch selbst gutes Feedback allein greift zu kurz. Es erklärt, was war. Es benennt, was nicht funktioniert hat. Aber es öffnet keine Richtung. Genau hier kommt Feedforward ins Spiel — als notwendige Ergänzung, die Bewusstsein in Bewegung verwandelt.

“Feedback creates awareness. Feedforward creates movement.”

— Nina Alice Bauregger

Was ist eigentlich der Unterschied?

Feedback und Feedforward sind keine Synonyme — auch wenn sie im Alltag oft so behandelt werden.

Feedback blickt zurück. Es macht sichtbar, was war — Muster, Verhalten, Wirkung. Es ist diagnostisch und retrospektiv. Es schafft Bewusstsein. Das ist wertvoll. Und es reicht nicht.

Feedforward blickt nach vorne. Es richtet die Aufmerksamkeit auf das, was entstehen kann — auf Möglichkeiten, nächste Schritte, Handlungsspielräume. Es schafft Bewegung. Es aktiviert Motivation. Es setzt Growth Mindset voraus — und stärkt ihn gleichzeitig.

Statt "Das haben Sie nicht so gut gemacht" lautet die Feedforward-Frage: "Was würde es ermöglichen, das beim nächsten Mal noch besser zu machen?" oder “Das haben wir bereits erreicht – was brauchen wir noch, um den Rest zu schaffen?” “(…) um noch besser zu werden?”. rEine kleine Verschiebung im Wording — aber eine grundlegend anderer Mindset.

Zusätzlich: Feedforward setzt eine gemeinsame Zukunft voraus, impliziert sie aber. Das Das hat den positiven Effekt, die psychologische Sicherheit im Team zu stärken udn wirkt daher doppelt.

Feedback ist kein Blame Game

Ein Missverständnis, das Feedbackgespräche regelmäßig scheitern lässt: die Verwechslung von Ursache und Schuld.

Wirksames Feedback fragt nicht: Wer ist schuld? Es fragt: Was ist passiert — und warum? Wenn wir verstehen, warum etwas nicht funktioniert hat, können wir an echten Lösungen arbeiten. Wenn wir Schuld zuweisen, verschließen wir genau diesen Weg. Die Person geht in Abwehr, das Gespräch endet ohne Erkenntnis, das Problem bleibt.

Feedback geht nicht um Schuld — es geht um Ursachen. Wer Ursachen versteht, kann Lösungen entwickeln.

 

Fachliches und persönliches Feedback — ein wichtiger Unterschied

Im Alltag werden zwei Ebenen häufig vermischt, die klar auseinandergehalten werden sollten:

Fachliches Feedback

Bezieht sich auf Ergebnisse, Methoden, Qualität von Arbeit — auf das, was jemand getan oder geliefert hat. Es ist sachlich überprüfbar und hat nichts mit der Person als Mensch zu tun. Dieses Feedback ist vergleichsweise leicht zu geben und zu empfangen, wenn es klar vom persönlichen Urteil getrennt bleibt.

Persönliches Feedback

Bezieht sich auf Verhalten, Kommunikation, Wirkung auf andere — auf das, wie jemand agiert, nicht wer er oder sie ist. Hier ist Sorgfalt besonders wichtig: Feedback zur Wirkung eines Verhaltens ist legitim und notwendig. Feedback zur Person als solcher ist weder hilfreich noch angemessen.

Die praktische Konsequenz: Immer das Verhalten benennen, nie die Persönlichkeit bewerten. "In diesem Meeting haben Sie andere mehrfach unterbrochen" ist Feedback. "Sie sind dominierend" ist ein Urteil — und öffnet keine Entwicklung.

Feedback normalisieren — nicht punktuell, sondern als Lernformat

Das eigentliche Problem mit Feedback in Organisationen ist selten der Inhalt. Es ist die Seltenheit.

Wenn Feedback nur punktuell kommt — beim Jahresgespräch, in der Krise, wenn etwas schiefgelaufen ist — bleibt es außergewöhnlich. Und alles, was außergewöhnlich ist, wird emotional aufgeladen. Die Person, die Feedback bekommt, fragt sich unwillkürlich: Warum jetzt? Was hat das zu bedeuten? Kommt da noch mehr?

Erst wenn Feedback zur Routine wird, verliert es diese Schärfe. Es wird zu dem, was es sein soll: ein normaler Teil des gemeinsamen Lernens. Kein Fehlersuchen. Kein Urteil. Ein Entwicklungsformat.

Feedback ist kein Ausnahmeereignis. Es ist ein Lernformat — und wirkt nur als Routine, nicht als Intervention.

 

Das bedeutet konkret: Feedback muss nicht immer aus einem formellen Gespräch bestehen und muss nicht immer von der Führungskraft kommen. Feedback unter Kolleginnen und Kollegen — auf Teamebene, ohne Hierarchie, institutionalisiert in festen Formaten — kann genauso wirksam sein. Ein kurzer Austausch im Daily, eine Retrospektive nach dem Projekt, eine Feedbackrunde am Ende eines Workshops: Das sind keine Ausnahmen. Das ist Kultur.

Führungskräfte, die eine echte Feedbackkultur aufbauen wollen, müssen dabei vorangehen — und als Erste um Rückmeldung bitten. Und zeigen, wie man damit umgeht.

Wenn die Kultur im Weg steht: Das Problem mit der Nettigkeit

Es gibt eine Kulturdynamik, die in vielen Organisationen Feedback verhindert — und die selten beim Namen genannt wird: die Nett-sein-Kultur.

Gemeint ist nicht Freundlichkeit oder Wertschätzung. Gemeint ist die systematische Vermeidung von Unbehagen. In Organisationen, in denen Konflikte nicht offen ausgetragen werden, in denen kritische Rückmeldungen als Angriff gelten, in denen man lieber schweigt als unbequeme Wahrheiten auszusprechen — dort wird Feedback so lange geglättet, bis es nichts mehr aussagt.

Das Ergebnis: Man fühlt sich gut nach dem Gespräch. Aber nichts ändert sich. Weil nichts Konkretes gesagt wurde. Weil die eigentlichen Beobachtungen nie ausgesprochen wurden.

Diese Kultur schützt kurzfristig vor Unbehagen — und verhindert langfristig Wachstum. Sie ist teuer: nicht für das Klima im Meeting-Raum, aber für die Entwicklung der Menschen und der Organisation.

Feedback annehmen: Die unterschätzte Seite

Wir sprechen viel darüber, wie man Feedback gibt. Kaum darüber, wie man es annimmt. Dabei ist die Empfangskompetenz mindestens genauso entscheidend — vielleicht sogar entscheidender.

Es lassen sich grundsätzlich zwei Arten von negativen Rückmeldungen unterscheiden: Eine kritische Beurteilung, die jemand explizit erbeten hat, ist negatives Feedback. Dieselbe Rückmeldung, ungebeten und ungefragt geäußert, ist Kritik. Der Unterschied ist bedeutsam — nicht inhaltlich, sondern psychologisch. Unerbetene Kritik aktiviert Abwehr schneller, weil sie sich als Übergriff anfühlen kann.

In beiden Fällen gilt: Eine kritische Rückmeldung aktiviert im Gehirn ähnliche Reaktionen wie eine soziale Bedrohung. Wer das weiß, kann bewusst gegensteuern. Innehalten. Zuhören. Nachfragen statt sofort reagieren.

Hilfreiche Fragen beim Empfang von Feedback:

→  Was genau ist die Beobachtung — unabhängig von der Bewertung?

→  Was davon erkenne ich an mir wieder?

→  Was möchte ich als nächsten Schritt ausprobieren?

 

Die dritte Frage ist der Übergang zum Feedforward — und damit die Brücke zwischen Rückblick und Handlung. Feedback, das nicht in einen nächsten Schritt mündet, bleibt Diagnose. Feedforward macht daraus Entwicklung.

Eine weitere Dimension, die selten thematisiert wird: Nicht jedes Feedback muss angenommen werden. Empfangskompetenz bedeutet nicht Unterwerfung. Es bedeutet, Rückmeldungen ernst zu nehmen, zu reflektieren — und dann selbst zu entscheiden, was davon trägt.

Methoden: So funktioniert es in der Praxis

Feedback und Feedforward brauchen Struktur — nicht als Bürokratie, sondern als Orientierung. Vier Ansätze, die in der Führungs- und Teamentwicklung funktionieren:

 

SBI — Situation, Behavior, Impact

1.  Situation: In welchem konkreten Kontext war die Beobachtung? (kein "immer" oder "nie")

2.  Behavior — Verhalten: Was genau wurde getan oder gesagt? (keine Interpretation der Person)

3.  Impact — Wirkung: Was hat das ausgelöst — bei Ihnen, im Team, im Prozess?

4.  Optional als Feedforward: Was wäre eine andere Möglichkeit beim nächsten Mal?

 

Start — Stop — Continue

1.  Start: Was sollte jemand (oder das Team) beginnen zu tun — weil es noch fehlt, aber helfen würde?

2.  Stop: Was sollte aufgehört werden — weil es nicht wirkt oder sogar schadet?

3.  Continue: Was läuft gut und sollte beibehalten werden?

4.  Besonders geeignet für Teamretrospektiven und regelmäßige Feedbackrunden — auch ohne Führungskraft.

 

Feedforward nach Marshall Goldsmith

1.  Person A nennt eine Fähigkeit oder ein Verhalten, das sie weiterentwickeln möchte.

2.  Person B gibt ausschließlich Ideen für die Zukunft — keine Bewertung des Bisherigen.

3.  Person A hört zu, ohne zu kommentieren oder sich zu rechtfertigen.

4.  Person A bedankt sich — und entscheidet selbst, was sie mitnimmt.

 

Institutionalisiertes Feedback im Alltag

1.  Daily Check-in: Kurze Feedbackrunde am Ende eines Teammeetings — was lief gut, was braucht Anpassung?

2.  Projektretrospektive: Strukturiertes Format nach Abschluss oder Meilenstein, z. B. mit Start–Stop–Continue.

3.  Peer-Feedback-Runden: Kolleginnen und Kollegen geben sich gegenseitig Rückmeldung — auf Augenhöhe, ohne Hierarchie.

4.  Die Feedforward-Frage: "Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?" — kurz, konkret, zukunftsorientiert. Kein Formular, kein Meeting. Nur eine Frage.

 

Ein konkretes Beispiel: Nach einem Projekt stellt eine Führungskraft zwei Fragen — eine rückblickend, eine vorwärtsgerichtet: "Was hat gut funktioniert?" und "Was würden Sie beim nächsten Projekt anders angehen?" Beide Fragen zusammen dauern fünf Minuten. Sie schaffen Klarheit, Orientierung und das Gefühl, dass Entwicklung möglich ist — nicht nur Beurteilung.

 

Was das für Führung bedeutet

Führungskräfte, die Feedback und Feedforward wirksam einsetzen, tun drei Dinge konsequent:

→  Sie geben Rückmeldung früh, konkret und regelmäßig — nicht erst, wenn etwas schiefläuft.

→  Sie unterscheiden zwischen Diagnose (Feedback) und Entwicklung (Feedforward) — und setzen beides bewusst ein.

→  Sie modellieren die Kultur selbst: indem sie um Rückmeldung bitten, zeigen wie man damit umgeht, und Feedback als selbstverständlichen Teil der Zusammenarbeit behandeln.

 

Das Gegenteil — Schweigen als Führungsstil — ist keine Neutralität. Es ist eine Entscheidung. Und wie meine Geschichte zeigt: Es hat Konsequenzen. Für Vertrauen, für Motivation, für die Frage, wer in einer Organisation überhaupt als Führungsperson wahrgenommen wird.

Kurz zusammengefasst

—  Feedback schafft Bewusstsein. Feedforward schafft Bewegung. Beides gehört zusammen.

—  Feedback wirkt als Lernformat — nicht als punktuelle Intervention.

—  Feedback ist kein Blame Game. Es geht um Ursachen, nicht um Schuld.

—  Persönliches und fachliches Feedback unterscheiden — Verhalten benennen, nie die Person beurteilen.

—  Eine Kultur des Nettseins verhindert ehrliches Feedback. Das ist kein Soft-Skill-Problem, sondern ein Entwicklungsproblem.

—  Feedback muss nicht immer von oben kommen — institutionalisiertes Peer-Feedback auf Teamebene ist genauso wirksam.

—  Führungskräfte gehen voran — indem sie zuerst um Feedback bitten.

 

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Feedback und Kritik?

Feedback ist eine Rückmeldung auf ein konkretes Verhalten oder Ergebnis — erbeten oder in einem klaren Kontext gegeben. Kritik ist meist ungebeten und bezieht sich häufig auf die Person statt auf das Verhalten. Der Unterschied ist nicht nur semantisch: Kritik aktiviert Abwehr schneller, weil sie sich als Übergriff anfühlen kann. Wirksames Feedback bleibt sachlich, konkret und situationsbezogen — und öffnet einen nächsten Schritt.

Ist Feedforward dasselbe wie positives Feedback?

Nein. Feedforward ist zukunftsorientiert — aber nicht notwendigerweise positiv oder unkritisch. Es geht darum, konkrete nächste Schritte zu öffnen, auch wenn das Bisherige deutlich verbesserungswürdig war. Feedforward bewertet nicht, was war. Es fragt, was möglich ist.

Wie gibt man Feedback, wenn die Stimmung angespannt ist?

Mit Klarheit über das Ziel: Das Gespräch dient der Entwicklung, nicht der Beurteilung. Struktur hilft — zum Beispiel das SBI-Modell. Und Feedforward als Abschluss, um nicht in der Problemdiagnose steckenzubleiben. Wenn die Spannung zu hoch ist, um produktiv zu sein, kann es sinnvoll sein, zunächst den Rahmen zu klären, bevor inhaltlich gearbeitet wird.

Wie kann man eine Feedbackkultur aufbauen?

Nicht mit einem Workshop. Sondern mit konsequenter Einbettung in den Alltag: in Teammeetings, in Projektretrospektiven, in kurze Check-ins. Feedback muss nicht immer von der Führungskraft kommen — Peer-Feedback auf Teamebene ist genauso wirksam und oft zugänglicher. Führungskräfte müssen dabei vorangehen: Sie bitten als Erste um Rückmeldung und zeigen, wie man damit umgeht.

 

 

Sie möchten Feedback- und Feedforwardkultur in Ihrer Organisation verankern?

Wir begleiten Führungskräfte und Teams dabei — praxisnah, wissenschaftlich fundiert und nach der ALA Impact Logic™. Vereinbaren Sie Ihr kostenloses und unverbindliches Erstgespräch.

Teilen:

Keine Artikel verpassen

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie regelmäßig neue Fachartikel und Insights.

Newsletter abonnieren